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Reparaturkosten: Assistenzsysteme verteuern Werkstattaufenthalt

Moderne Assistenzsysteme retten zwar Leben, jagen aber die Reparaturkosten in die Höhe. Selbst vermeintliche Bagatellen werden zu schlimmen Kostentreibern.

Das waren noch Zeiten, als es einen Rückspiegel im Zubehörhandel um die Ecke gab. Für einen, der etwa am Opel Corsa B hing, waren umgerechnet 30 Euro auf die Theke zu legen. Freilich hatte so ein Spiegel weder Tote-Winkel-Warner noch integrierte Blinker. Er war unbeheizt und ließ sich nur manuell verstellen. Zur Jahrtausendwende war das und eigentlich noch gar nicht so lange her. Ging so ein Spiegel zu Bruch, war das genauso ärgerlich wie heute. Nur: Das Malheur trieb einen zumindest nicht in den Ruin. Neuer Spiegel dran – fertig. Heute sieht das anders aus: Autoreparaturen werden teurer und teurer.

Ein Drittel höhere Reparaturkosten als im Jahr 2000

Laut Verbraucherpreisindex des Statistischen Bundesamtes sind Reparaturkosten für Pkw seit 2010 um knapp 15 Prozent gestiegen, gegenüber dem Jahr 2000 liegen sie mittlerweile sogar um fast 35 Prozent höher. Die Gründe: höhere Arbeitskosten und teurere Ersatzteile. Werkstätten rechnen nicht in Stunden ab, sondern sie kalkulieren mit Arbeitswerten. Diese orientieren sich an katalogisierten Richtzeiten für vergleichbare Arbeiten. Die Werkstatt kann so mehrere Arbeiten parallel erledigen, ohne sich in der Zeitkalkulation zu verzetteln. Kunden wiederum bekommen vergleich- und überprüfbare Faktoren in Rechnung gestellt.

Je komplexer die zu reparierende oder auszutauschende Technik allerdings ist, desto höher werden diese Arbeitswerte. Wer die Ausstattungslisten einer vergleichbaren Baureihe der letzten 16 Jahre gegenüberstellt, sieht eklatante Unterschiede. Das Jahr 2000 war hinsichtlich moderner Assistenzsysteme noch eine automobile Dino-Welt. Extras wie elektrische Scheibenheber waren teuer hinzuzukaufen, Navis eine Sache der Oberklasse. Aktive Assistenten, wie etwa radargeführte Notfallbremsen, galten noch als Vision geheimniskramender Forscher in den Labors der Zulieferer.

Heute ist ein Auto vollgestopft mit derlei Technik. Und die ist – aus volkswirtschaftlicher Sicht – äußerst sinnvoll. Sie rettet Leben und vermeidet Totalschäden. Auch dazu gibt es mittlerweile Zahlen. Lease Plan etwa hat das Kfz-Versicherungsjahr 2015 analysiert und dabei mehr als 42.000 Schäden registriert, für deren Reparatur eine Kaskoversicherung aufkommen musste. Interessant sind vor allem die Erkenntnisse im Bereich der Vollkasko. Die Gesamtaufwendungen pro Fahrzeug sind demnach in der Vollkasko von 433 Euro (2014) auf 426 Euro im vergangenen Jahr gesunken.

Der Grund: Es gab schlicht weniger Unfälle der Kategorien Objektkollision und Auffahrunfall, jener Ereignisse also, die kapitale Schäden zur Folge haben. »Wir führen diese Entwicklungen auf die zunehmende Verbreitung von Fahrer­assistenzsystemen zurück. Der Rückgang könnte ein Indiz dafür sein, dass Schäden hierdurch tatsächlich präventiv vermieden werden. Ob dieser Effekt langfristig ist, muss sich jedoch noch zeigen«, kommentiert Dieter Jacobs, Geschäftsleitung Fuhrparkmanagement bei Lease Plan Deutschland, die Entwicklung.

Die Betrachtung einzelner Fahrzeugschäden allerdings fällt differenzierter aus – betriebswirtschaftlich gesehen sogar ernüchternd. So klagen die Versicherer gleichzeitig über signifikant höhere Entschädigungen im Teilkaskobereich (siehe Kasten). Für die Kunden heißt das mittelfristig: teurere Prämien. Auch die Kurve für Reparaturkosten nach Alltagsunfällen steigt stetig an. Der Mindener Schadensdienstleister Audatex Auto Online etwa analysiert seit fünf Jahrzehnten Fahrzeugreparaturkosten. Dort bestätigt man die Verbraucherindex-Zahlen des Statistischen Bundesamtes.

Auch neue Werkstoffe verteuern die Reparaturen

So unterscheiden sich beispielsweise die Kalkulationswerte für Reparaturen an einem VW Golf aus den Jahren 2008 und 2016 deutlich. Legt man den Klassiker "Frontaufprall leicht seitlich versetzt, bis Radhaus gestaucht, mit Airbagauslösung sowie Heckaufprall mit Instandsetzung von Abschlussblech und Kotflügel" zugrunde, so ist diese Reparatur um fast 30 Prozent teurer geworden. Verantwortlich dafür sind unter anderem elektronische Assistenten im Auto, wie Rüdiger Pollert belegt.

Der Leiter der Datenbank für Kfz-Schadenskalkulationen bei Audatex belegt das auch in der Analyse identischer Baureihen, jedoch mit unterschiedlichen Ausstattungen. Pollert nennt den Audi A4 und die Erneuerung einer Frontscheibe als Beispiel: "In der normalen Ausführung sind dafür 280 Euro plus 2,5 Stunden Arbeitsaufwand zu kalkulieren. Für die gleiche Scheibe, aber in einem Fahrzeug mit Spurhalte­assistent, sind es schon 463 Euro und 3,9 Stunden Arbeitsaufwand."

Als Kostentreiber macht er marken­unabhängig gleich mehrere Faktoren in modernen Autos aus: "Neue Beleuchtungssysteme vor allem, aber auch die steigende Anzahl an elektronischen Bauteilen für Kameras, Sensoren oder Steuer­geräte." Der Experte verweist zudem auf neue Werkstoffe für Leichtbauweisen wie Carbon, sowie auf ultrahochfeste Stähle oder Leichtmetalle. Und natürlich auf die Vielzahl von Komfortkomponenten. Dass sich das Rad noch mal zurückdrehen lässt, glaubt Pollert nicht. Der Trend zum automobilen Mehrwert ist ungebremst – mit Folgen für den Unterhalt: "Je umfangreicher die Ausstattungen, desto höher die Reparaturkosten." Der eingangs erwähnte Corsa B hatte übrigens in der Basisversion als einziges nennenswertes Elektrik-Extra eine Radiovorrüstung mit Dachantenne. Aus heutiger Sicht verblüffend: Das Auto fuhr einwandfrei.

Navi-Diebstähle - Hohe Folgekosten für Flotten

Die Versicherer klagen über gestiegene Schadenersatzsummen im Bereich der Teilkasko. Kostentreiber waren auch im vergangenen Jahr die Diebstahlfälle von Navigationsgeräten: "Die Schadenfrequenz hat sich zwar nicht signifikant verändert, allerdings sind die Kosten pro Schadenfall deutlich gestiegen. Im Durchschnitt verursachen Navi-Diebstähle heute Reparaturkosten von 7.000 Euro pro Schaden. Der teuerste Schaden, der bei uns 2015 durch einen Navi-Diebstahl abgewickelt wurde, lag bei knapp 16.000 Euro", berichtet Dieter Jacobs, der Geschäftsleiter Fuhrparkmanagement beim Dienstleister Lease Plan. Für Fahrzeughalter sei es dabei besonders ärgerlich, wenn die Diebe ganze Kabelbäume und andere Elektrikkomponenten beschädigen. Häufig werde mittlerweile das Lenkrad mit entwendet, da hier Bedienelemente enthalten sind, mit denen sich die Infotainment-Einheiten steuern lassen. Der "Ausbau" erfolge oft durch brachiales Rausreißen und verursache dadurch hohe Schäden

Autor

Foto

BMW

Datum

23. November 2016
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