40 Jahre Luxus-Benz

Mercedes S-Klasse wird 40

Mercedes S-Klasse Foto: Mercedes 6 Bilder

Die S-Klasse steht seit 40 Jahren ganz oben in der Mercedes-Modellpalette. Schlichte Eleganz, modernste Sicherheitstechnik und der Anspruch, das beste Auto der Welt zu sein, sind seither Teil der Tradition. Ein Überblick.

Plastik, dieser Stoff war schon immer für Albträume gut. Ist die Überproduktion von Kunststoffen heute ein Problem für die Umwelt, prägte buntes Plastik Ende der 1970er Jahre billige Modeartikel und dank Pop-Punks wie Plastic Bertrand stürmte der Begriff sogar die Musikcharts. Entsprechend groß war das Entsetzen bei Käufern der Luxusliga, als sogar die vor 40 Jahren vorgestellte Mercedes S-Klasse (W126) dem neuen Trend folgte. Mit breiten seitlichen Schutzplanken aus Polyurethanschaum und ebensolchen Stoßfängern beendeten die Prestigelimousinen für Päpste, Kanzler und Konzernchefs das Zeitalter der glänzenden Chromkreuzer, das die vorhergehende S-Klasse (W116) zum Höhepunkt geführt hatte.

Andererseits passten die unter Mercedes-Designchef Bruno Sacco in distinguierter Eleganz gezeichneten Typen 280 S bis 560 SEL perfekt in das damalige gesellschaftliche und politische Klima von Umweltdiskussionen, maximaler Fahrzeugsicherheit und äußerer Bescheidenheit. Statt optischen Prunks präsentierten die frischen Stuttgarter Flaggschiffe Sicherheits- und Komfort-Innovationen in Hülle und Fülle, dazu effiziente Sechszylinder und Maßstäbe setzende V8 mit bis zu 300 PS. Dieser clevere Mix garantierte den Luxuslinern bis ins übernächste Jahrzehnt Vorsprung vor der Konkurrenz und mit fast 820.000 Einheiten die Krone der populärsten Oberklasse-Limousine aller Zeiten.

Tatsächlich gelang es der S-Klasse trotz der anfangs stets trist-grauen Plastikplanken – von Kritikern spöttisch Sacco-Bretter genannt – die automobile Haute Couture der Wettbewerber bald derart zu überstrahlen, dass das Mercedes-Marketing in Nordamerika selbstbewusst „den angenehmsten Lebensraum auf vier Rädern“ bewarb. Und die von Designer Sacco kreierte dynamische Linienführung der S-Klasse prägte fast alle kommenden Mercedes-Modelle. Nicht einmal der 1987 lancierte BMW 750i mit dem ersten deutschen Zwölfzylinder der Nachkriegsära unter der Haube brachte die mittlerweile betagten W126-Limousinen ernsthaft in Bedrängnis. Im Gegenteil: Die als Langversion 5,16 Meter messenden Lounges mit Stern dienten allen neuen Mitgliedern im automobilen Oberhaus wie Audi (V8), Infiniti (Q45) und Lexus (LS 400) als Vorbild ultimativer Eleganz und Exklusivität.

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Auch Päpste vertrauten der S-Klasse.

Schließlich sollten die feinen Viertürer der Serie W126 ebenso wie das 1981 nachgelegte SEC Coupé dem Daimler-Werbecredo "Der Erste unter den Besten" gerecht werden. Auch bei diesen elitär-teuren Zweitürern gelang Sacco ein Geniestreich: Als erstes Mercedes-Coupé adaptierte SEC den Sportgrill der SL-Serie und prompt avancierten die derart geschärften V8-Typen mit über 74.000 Einheiten zum bis heute meistverkauften S-Klasse-Coupé. Die umstrittenen Karosserieanbauteile aus Polyurethan hatten ihre Bewährungsprobe endgültig bestanden. Die Leichtbau-S-Klasse – tatsächlich wog die auch durch hochfeste Stähle abgemagerte Sonderklasse je nach Typ bis 220 Kilogramm weniger als der Vorgänger – machte überall eine gute Figur. Bundeskanzler Helmut Kohl fuhr mit dem 500 SEL zu Kabinettsitzungen über Themen wie Waldsterben und Katalysatorpflicht, Papst Johannes Paul II zeigte sich den Gläubigen in einer Spezialanfertigung des 500 SEL, Nelson Mandela als designierter Präsident eines modernen Südafrikas wurde mit einem 500 SE beschenkt und viele Königshäuser vertrauten auf den zurückhaltenden Auftritt der V8 in Zeiten, als zu viel Opulenz nicht opportun schien.

Ab 1985 zählten die Mercedes-Spitzenmodelle zu den ersten Prestigetypen mit geregeltem Drei-Wege-Katalysator, passgenau zu den weltweit für Furore sorgenden Aktionen von Greenpeace und dem Amtsantritt des sowjetischen Staatslenkers Michail Gorbatschow. Dieser politische Schöpfer von Glasnost und Perestroika war ebenfalls im W126 zu sehen, zumal im entscheidenden Jahr 1989 als Geburtshelfer der Deutschen Einheit. Mit Bundespräsident Richard von Weizsäcker und Kanzler Helmut Kohl führte Gorbatschow die Gespräche, die in der "Gemeinsamen Erklärung" über eine Zusammenarbeit der Staaten mündeten. Immer dabei: Die Mercedes S-Klasse. Dass die deutsche Teilung wenige Monate später Geschichte war, ahnte noch niemand. Aber nicht nur Politiker vertrauten auf die Prominentenklasse von Mercedes. Auch Popstars wie Elton John oder legendäre Formel-1-Champions wie Alain Prost, Nigel Mansell, Jody Scheckter und Ayrton Senna da Silva schätzten das Temperament der bis 250 km/h schnellen Sternträger, die als erste Serien-Mercedes die 300-PS-Marke nahmen und bis zum Debüt des BMW 750i im Jahr 1987 als rasanteste Viertürer der Welt galten.

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Die Leichtbau-S-Klasse machte überall eine gute Figur.

Einen weiteren Vorsprung verteidigten die nobelsten Mercedes aber über ihre ganze Produktionszeit: Das werksseitige Individualisierungsprogramm erfüllte jeden Kundenwunsch und umfasste auch damals futuristische Finessen wie Faxgerät und frühe Flachbildschirme. Andererseits zählte zum Faszinationspotential der S-Klasse die bespiellose Bandbreite des Ausstattungsangebots. Wer wollte, konnte den 156 PS freisetzenden Basis-Sechszylinder 280 S "nackt" für gut 35.000 Mark ordern, also ungefähr zum halben Preis eines üppig ausstaffierten 500 SEL. Gleichwohl bot der 280 S damit schon die teuerste Art 2,8-Liter-Limousinenkomfort zu genießen, kostete er doch 50 Prozent mehr als Opel Senator oder Volvo 264. Trotzdem fehlte es dem Basis-Benz noch an Basics wie Außenspiegel rechts, Drehzahlmesser oder beheizbarer Heckscheibe, die nur als Option verfügbar waren. Die Kunden kümmerte es kaum: Die Sechszylinder (bis 1985 als 2,8-Liter-Benziner, danach als 2,6-Liter- und 3,0-Liter-Versionen) avancierten zu Favoriten und wurden auch als große Familienkutschen oder als Zugmaschinen für Wohnwagen geschätzt.

Die knauserigen Fünf- und Sechszylinder-Turbodieseltypen 300 SD/SDL blieben zwar amerikanischen Kunden vorbehalten (zeitweise wurden dort 80 Prozent aller Mercedes als Diesel ausgeliefert), aber auch die Sechszylinder-Benziner verblüfften in den aerodynamisch ausgefeilten und leichten Karossen durch Effizienz. So war der nur 1,5 Tonnen wiegende 280 S sogar sparsamer als der kompakte Mittelklasse-Mercedes 280 (W123). Das V8-Programm begann mit den Modellen 350 SE bzw. ab 1985 mit dem 420 SE, wobei die Typencodes damals noch auf den Hubraum verwiesen. Mit der Aura des mystischen Vorkriegs-Kompressortyps 500 K behaftet war der "Fünfhunderter", der jedoch 1985 durch den 560 SEL übertroffen wurde. Erst damit fand der überstarke 6,9-Liter-Benz der Baureihe W116 einen echten Nachfolger. Vor allem aber war die S-Klasse vorbereitet auf den kommenden V12-Superstar im BMW 7er.

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Auf der IAA in Frankfurt feiern 1981 die Achtzylinder-Coupés 380 SEC und 500 SEC Weltpremiere.

Damit genug an Highlights? Noch nicht ganz, denn die 13 Jahre lang gebaute S-Klasse verdankt ihren Verkaufserfolg auch Besonderheiten wie einer spektakulären Langlebigkeit, die Laufleistungen von einer halben Million normal wirken ließ. Hinzu kamen ständig neue Sicherheitsfeatures wie zwei Frontairbags, Gurtstraffer und -bringer oder die elektronische Traktionskontrolle. Bloß kein Stillstand, denn dieser Mercedes sollte bis zum Schluss Referenz bleiben.

Chronik

1973: Nur ein Jahr nach Vorstellung der S-Klasse W116 beginnt die Entwicklung einer neuen S-Klasse-Generation (W126) unter Chefingenieur Friedrich H. van Winsen

1977: Die endgültige Form der S-Klasse der Serie W126 wird verabschiedet. Verantwortlich für die Formenfindung war Bruno Sacco als Leiter der Hauptabteilung Stilistik

1978: Die Baureihe W126 geht in die Fahrerprobung

1979: Die S-Klasse-Limousinen der Baureihe W126 werden auf der IAA Frankfurt vorgestellt mit vier Motoren vom 2,8-Liter-Vergaser-Sechszylinder mit 156 PS bis zum 5,0-Liter-V8 mit 240 PS Leistung. Die erneuerte S-Klasse ist in Normalversion und alternativ mit langem Radstand (plus 14 Zentimeter) verfügbar. Der Serienanlauf erfolgt im Herbst mit den Typen 280 S und 280 SE

1980: Nun sind auch 280 SEL, 380 SE, 380 SEL, 500 SE und 500 SEL in Produktion. Für den nordamerikanischen Markt ist ab Herbst ein Fünfzylinder-Turbodiesel im Angebot, dies als 300 SD

1981: Auf der IAA in Frankfurt feiern die Achtzylinder-Coupés 380 SEC und 500 SEC Weltpremiere. Sie ersetzen die SLC-Typen der Baureihe R 107. Zugleich wurden die V8-Motoren für alle W126- und C126-Typen überarbeitet, dabei u.a. beim 3,8-Liter-V8 die Bohrung reduziert und den Hub erhöht und die Verdichtung erhöht zugunsten niedrigerer Verbrauchswerte, allerdings geringfügige Leistungseinbußen in Kauf genommen. Zentralverriegelung ist nun serienmäßig

1982: Der Schweizer Automobilhersteller Monteverdi präsentiert den Tiara, eine viertürige Limousine auf der Basis der Baureihe W126

1984: ABS serienmäßig für die V8, zwei Jahre später auch für die Sechszylinder

1985: Im August umfangreiche Modellpflege und neue Motorisierungen. Bei der seitlichen Kunststoff-Beplankung entfällt die Riffelung, außerdem sind die sogenannten Sacco-Bretter jetzt in vier Farben bestellbar. Einführung der neuen Spitzenmodelle 560 SEL und des Coupés 560 SEC mit 5,6-Liter-V8. Neu sind leistungsgesteigerte 500 SE/SEL und 500 SEC. Die neuen 420 SE/SEL und 420 SEC ersetzen 380 SE/SEL und 380 SEC. Frisches Basismodell ist der 260 SE mit 2,6-Liter-Sechszylinder, der den 280 S ablöst. Dagegen ersetzen 300 SE/SEL mit 3,0-Liter-Sechszylinder die Typen 280 SE/SEL. Wahlweise ist die facegeliftete S-Klasse mit Katalysator oder als sogenannte „RÜF“-Versionen lieferbar, die auf späteren Katalysator-Einbau vorbereitet sind. Im August Übergabe eines Mercedes 500 SEL mit um 20 Zentimeter verlängertem Radstand und erhöhtem Dachaufbau an Papst Johannes Paul II. Auch Papst Benedikt XVI. nutzte den 500 SEL noch. In Nordamerika wird der Fünfzylinder-Turbodiesel 300 SD durch einen Sechszylinder-Turbodiesel ersetzt.

1987: Im September erneute Modellpflege. Die Typen 500 SE/SEL und der 500 SEC erhalten abermals eine Leistungsstärkung

1988: Neu ist der 5,6-Liter-V8 mit kurzem Radstand als 560 SE

1989: Die seitlichen Kunststoff-Planken sind in 16 Farben bestellbar und harmonieren mit der Lackfarbe. In Nordamerika wird der schon 1987 eingestellte 300 SD durch einen hubraumgrößeren Sechszylinder-Turbodiesel mit der Typenkennung 350 SD/SDL ersetzt. Insgesamt werden 97.546 Limousinen mit Dieselmotor der Typen 300 SD und 350 SD/SDL gebaut (1979 bis 1991)

1991: Nach Vorstellung der S-Klasse W140 auf dem Genfer Salon im März läuft die Baureihe W126 im Oktober allmählich aus. Gleiches gilt für die Coupés, die sich am 27. August mit einem finalen 560 SEC verabschieden. Nachfolger des C 126 wird das S-Klasse Coupe der Serie C140

1992: Als letzte W126-Typen werden die Langversionen 500 SEL und 560 SEL mit Sonderschutzausführung eingestellt

2019: Die Mercedes-Baureihe W126 wird 40 Jahre alt, ein Ereignis, das sowohl von Daimler als auch von der Clubszene auf vielfältige Art gefeiert wird bei Treffen und Klassiker-Messen

Wichtige Motorisierungen

Mercedes-Benz 280 S (ab 1979) mit 2,8-Liter-Sechszylinder-Benziner (115 kW/156 PS), Vmax 205 km/h;

Mercedes-Benz 280 SE/SEL (ab 1979) mit 2,8-Liter-Sechszylinder-Benziner (136 kW/185 PS), Vmax 210 km/h;

Mercedes-Benz 380 SE/SEL (ab 1979) mit 3,8-Liter-V8-Benziner (160 kW/218 PS bzw. ab 09/1981 mit 150 kW/204 PS), Vmax 205-215 km/h;

Mercedes-Benz 500 SE/500 SEL (ab 1979) mit 5,0-Liter-V8-Benziner (177 kW/240 PS bzw. ab 09/1981 mit 170 kW/231 PS bzw. ab 09/1985 mit 180 kW/240 PS (RÜF ohne Kat.) oder 164 kW/223 PS (Kat) bzw. ab 09/1987 mit 195 kW/265 PS (RÜF ohne Kat.) oder 185 kW/252 PS (Kat), Vmax 210-235 km/h;

Mercedes-Benz 300 SD (ab 1979) mit 3,0-Liter-Fünfzylinder-Diesel (89-92 kW/121-125 PS), Vmax 165 km/h;

Mercedes-Benz 260 SE (ab 1985) mit 2,6-Liter-Sechszylinder-Benziner (122 kW/166 PS (RÜF ohne Kat.) oder 118 kW/160 PS (Kat)), Vmax 200 km/h;

Mercedes-Benz 300 SE/SEL (ab 1985) mit 3,0-Liter-Sechszylinder-Benziner (138 kW/188 PS (RÜF ohne Kat.) oder 132 kW/180 PS (Kat)), Vmax 205-210 km/h;

Mercedes-Benz 420 SE/SEL (ab 1985) mit 4,2-Liter-V8-Benziner (160 kW/218 PS (RÜF ohne Kat.) oder 150 kW/204 PS (Kat) bzw. ab 09/1987 mit 165 kW/224 PS (Kat.)), Vmax 210-222 km/h;

Mercedes-Benz 560 SE/SEL (ab 1985) mit 5,6-Liter-V8-Benziner (220 kW/300 PS (ECE) oder 200 kW/272 PS (RÜF) bzw. ab 09/1987 mit 205 kW/279 PS (Kat.)), Vmax 225-250 km/h;

Mercedes-Benz 300 SD (ab 1985) mit 3,0-Liter-Sechszylinder-Diesel (110 kW/150 PS), Vmax 175 km/h;

Mercedes-Benz 350 SD/SDL (ab 1989) mit 3,5-Liter-Sechszylinder-Diesel (100 kW/136 PS), Vmax 175 km/h.

Produktionszahlen

Mercedes-Benz S-Klasse Baureihe W126 von 1989-1992) insgesamt: 818.036 Einheiten, davon

42.996 Mercedes 280 S (1979 bis 1985), 133.955 Mercedes 280 SE (1979 bis 1985), 20.655 Mercedes 280 SEL (1980 bis 1985), 58.239 Mercedes 380 SE (1980 bis 1985), 27.014 Mercedes 380 SEL (1980 bis 1985), 33.418 Mercedes 500 SE (1980 bis 1991), 72.693 Mercedes 500 SEL (1980-1992), 20.836 Mercedes 260 SE (1985-1991), 105.422 Mercedes 300 SE (1985-1991), 40.956 Mercedes 300 SEL (1985-1991), 13.826 Mercedes 420 SE (1985-1991), 74.017 Mercedes 420 SEL (1985-1991), 78.442 Mercedes 560 SEL (1985-1992), 1.252 Mercedes 560 SE (1988-1991).

Die Gesamtproduktionszahl der Baureihen W126/C126, also inklusive der Coupés, beträgt 892.123, davon 818.063 Limousinen und 74.060 Coupés.

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