Interview mit Otonomo

Autos sind wie Smartphones auf Rädern

Foto: Otonomo

Otonomo handelt mit Daten von 18 Millionen vernetzten Fahrzeugen. CEO Ben Volkow und Jürgen Mayntz, Director of Business Development, erklären, wie Flottenbetreiber davon profitieren können.

Daten sind zur Währung geworden, auch rund ums Auto. Das israelische Start-up Otonomo will dieses Potenzial nutzen und baut daher eine Plattform für Fahrzeugdaten auf. Das 2015 gegründete Unternehmen kauft die Daten direkt bei den Herstellern ein und stellt sie Autovermietern, großen Flottenbetreibern oder App-Entwicklern zur Verfügung.

Sie arbeiten momentan mit 15 Herstellern zusammen. ­Stammen die Daten nur von aktuellen Baureihen?

Ben Volkow: Fast alle neuen Modelle und viele Fahrzeuge der letzten Baureihen sind bereits vernetzt, und eines Tages werden alle Fahrzeuge vernetzt sein. Heute gibt es für ältere Modelle noch Übergangslösungen, seien es Dongles oder Telematikboxen. Aber alle Arten von Daten landen auf dem Backend des Herstellers, der sie an uns weiterleitet.

Und Sie verkaufen die Daten dann weiter?

Volkow: Ja, beispielsweise an Mietwagenfirmen. Teils gehen sie auch aufbereitet zurück zu den Herstellern. Der zentrale Vorteil für unsere Kunden ist, dass sie sich nur einmal an unser System anbinden müssen und damit Zugriff auf die Daten aller Hersteller erhalten. Weitere Integrationen sind nicht nötig.

Sind manche der Fahrzeugdaten nicht ohnehin allgemein zugänglich?

Jürgen Mayntz: Da muss man differenzieren: Es gibt sogenannte neutrale Server. Die wurden aufgrund der Inte­ressenkonflikte zwischen Versicherungs- und Auto­mobilwirtschaft von der EU-Kommission eingerichtet. Darauf landet nur ein geringer Teil der Fahrzeugdaten und auch nur die personalisierten. Der Hersteller sieht nicht, wer sie benutzt. Otonomo dagegen betreibt zusätzlich zu einem neutralen Server auch einen deutlich größeren Marktplatz mit anonymisierten und personalisierten Daten.

Wozu kann man anonymisierte Daten nutzen?

Mayntz: Auf diesem Marktplatz können Hersteller sehen, wer darauf zugreift und worüber sie einzelne Nutzer blockieren oder auch freischalten können. Diese anonymisierten Daten bekommt nicht jeder. Dabei geht es auch nicht darum, was ein bestimmtes, persönlich zuordenbares Auto wann macht. Vielmehr geht es um die Tatsache, dass jetzt gerade irgendein Auto von A nach B oder in eine Parklücke fährt. Oder in der Summe eben viele Autos. In diesem Bereich ist Otonomo führend. Hersteller schließen meist nur mit einem oder zwei Datendienstleistern Verträge dieser Art ab.

Otonomo hat also den Vorteil, relativ exklusiv auf anonymisierte Daten zuzugreifen. Wie profitieren die Hersteller von der Kooperation mit Ihnen – abgesehen davon, dass sie aufbereitete Daten erhalten und sehen, wer ihre Daten nutzt?

Volkow: Daten sind eine Währung. Die Hersteller verdienen durch den Verkauf der Daten Geld, indem sie von unseren erzielten Datenverkäufen einen gewissen Anteil erhalten. Außerdem wollen die Hersteller langfristig ein Ökosystem um ihr Auto herum aufbauen. Das Auto ist wie ein Smartphone auf Rädern. In ein paar Jahren muss es mit allen Services kompatibel sein, um weiterhin verkauft zu werden. Hersteller haben das erkannt und öffnen sich immer mehr externen Dienstleistungen. Letztlich entscheidet der Kunde, was sich durchsetzt. Aber für die Hersteller ist wichtig, dass sich ihre Fahrzeuge allen kommenden Services öffnen.

Konkrete Dienste rund ums Fahrzeug entwickeln Sie bei ­Otonomo also gar nicht selbst?

Volkow: Nein, wir ermöglichen aber, dass solche Dienstleistungen überhaupt entwickelt werden. Städte können über die Daten Verkehrsflüsse analysieren, Park-and-ride-Plätze oder Fahrradwege planen. Wobei neben ­unserer Plattform zwei zentrale Dinge in unserem Port­folio entscheidend sind: Wir können Fahrzeugdaten anonymisieren. Je nach Anwendung werden dabei nur relevante Informationen freigegeben, die keine Rückschlüsse auf den Rest der Daten zulassen. Für Parkservices etwa ist nur der Ort des Fahrzeugs relevant. Zudem garantieren wir, das komplizierte Geflecht an rechtlichen Anforderungen im Hintergrund sauber zu regeln.

Autohersteller, Städte, Mietwagenflotten: Wer zählt noch zu Ihren Kunden?

Mayntz: Eigentlich alle Flottenbetreiber, die sehen wollen, wo und wie ihre Fahrzeuge fahren. Auch Dienstleister, die neue Bezüge mit den Daten herstellen. Mietwagenbetreiber beispielsweise können damit über den Ladestand von E-Autos einen Service für die Freischaltung und Bezahlung von Ladesäulen etablieren. Anderes Beispiel: Eine Firma aus Antwerpen hat einen Parkbezahlservice entwickelt. Der startet den Bezahlvorgang automatisch, sobald ein Auto in eine Parklücke fährt, und beendet ihn, wenn es sie verlässt. Das ist eine spannende Option für Mietwagenfirmen, weil sie so keine Strafzettel mehr erhalten und ihren Aufwand minimieren.

Der klassische Fuhrparkverantwortliche eines Unternehmens zählt also nicht zu Ihren Kunden?

Mayntz: Es handelt sich eher um eine Viererbeziehung zwischen uns, dem Hersteller, einem Serviceanbieter und dem Flottenbetreiber. Gleichzeitig kann ein Fuhrparkbetreiber aber auch von uns direkt Daten seiner Fahrzeuge erhalten und für seine Analysen und die Lokalisierung seiner Flotte verwenden.

GPS-Tracker gibt es doch schon.

Mayntz: Ja, aber die muss man extra einbauen, und das kostet Geld. Das kann man sich sparen, wenn die Daten direkt vom Backend des Herstellers kommen.

Wohin geht die Reise für Otonomo?

Volkow: Wir arbeiten kontinuierlich daran, mehr Fahrzeugdaten zu sammeln, mit jeder neuen Baureihe und jedem Hersteller, der bei uns vollständig live geht. Denn hat man erst eine kritische Größe erreicht, geht es nicht mehr ohne – wie etwa bei Android und iOS. Und je mehr Daten wir auf unserer Plattform haben, desto interessanter wird sie für alle Seiten.

Haben Sie noch ein Beispiel?

Volkow: Ein süddeutscher Hersteller hat in seinen Fahrzeugen einen Service integriert, der Parkmöglichkeiten vorhersagt. Dafür verwendet er nicht nur die Infos seiner Flotte, die unterwegs automatisch freie Spots scannt, sondern nutzt für eine höhere Abdeckung auch Daten von Fahrzeuge anderer Hersteller. Auch rund um das Thema der Predictive Maintenance, der vorausschauenden Wartung, gibt es bereits einige Lösungen. Wann wird ein Reifenwechsel nötig, wann neue Bremsbeläge? Aktuelle Anwendungen sind aber nur die Spitze dessen, was es eines Tages geben wird. Es ist so, als würden wir uns einen Monat nach dem Launch des iPhones befinden – es ist ein unglaublich dynamischer und wachsender Markt.

Ben Volkow

Der Datendienstleister Otonomo ist das vierte Start-up, das Ben Volkow 2015 erfolgreich auf den Weg brachte und dem er als CEO vorsteht. Vorher war er Business-Unit-Manager bei T5 Networks gewesen, zu dem er nach der Übernahme von Traffix gekommen war, das er ebenfalls mitgegründet hatte.

Jürgen Mayntz

Mit 25 Jahren Berufserfahrung in der Software- und Auto­mobilindustrie in den USA, Kanada und Deutschland im Hintergrund stieg der studierte Fahrzeug­ingenieur Mayntz bei Otonomo ein. Als Director Business of Development soll er neue Geschäftsfelder im EMEA-Raum eröffnen.

Otonomo im Profil

Der Anbieter einer Plattform für Fahrzeugdaten wurde 2015 gegründet. Hauptsitz der Firma mit insgesamt rund 100 Mitarbeitern ist Tel Aviv, weitere Teams arbeiten in Europa, Nordamerika und Asien. Als Investoren ­stehen Finanz- und strategische Partner im Hintergrund, ­exklusive Investitionen einzelner Autohersteller lehnt Otonomo aus Gründen der Neutralität ab. Das Start-up will sich damit bewusst von anderen Playern differenzieren, die mit nur einem Hersteller kooperieren.

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