Roboterautos

Senioren als Zielgruppe

Voyage 2019 Foto: Voyage 4 Bilder

Die Roboterautos werden wohl nicht in den Metropolen der Welt debütieren. Sondern an der Peripherie.

Hip, modern und jugendlich? Autonome Autos werden gern als Mobilitätsprojekt für die Generation Internet beworben. Ihre naheliegendste Zielgruppe ist aber eine ganz andere, nämlich Senioren. Und das aus mehreren Gründen.

Während aktuell die meisten Robotertaxis auf Universitäts-Campussen oder in den Citys der Tech-Zentren an der amerikanischen Westküste unterwegs sind, hat sich US-Mobilitätsdienstleister Voyage ein ganz spezielles Testfeld gesucht: die Rentnerstadt "The Villages" in Florida. 125.000 Menschen verbringen dort ihren Lebensabend in einer Ansammlung malerischer Kleinstadt-Nachbauten mit rund 1.200 Kilometern Straßen. The Villages ist eine sogenannte Retirement Community – eine Gemeinde mit homogener Bevölkerung, gegen die Außenwelt abgeschirmt. Ein Mikrokosmos für sich.

Rentner-Kommunen ideal für autonome Autos

"Rentner-Kommunen sind der perfekte Startplatz für das echte fahrerlose Auto"; erläutert Voyage-Gründer Oliver Cameron in seinem Blog. Er glaube sogar, sie seien auf absehbare Zeit die einzigen Orte, wo das autonome Fahren funktioniere. Vor allem zwei Gründe sprechen nicht nur in seinen Augen für die Rentner-Siedlungen. Zunächst sind sie – mehr noch als ältere US-Städte – auf dem Reißbrett konzipiert und entsprechend leicht für die Roboterautos zu lesen. Die Tempolimits sind niedrig, die Straßenführung ist auf die Sicherheit der Bewohner ausgelegt und die Verkehrsdichte gering. Spielende Kinder auf der Straße gibt es faktisch nicht – alle unter 19 brauchen einen Besucherpass und dürfen höchstens 30 Tage bleiben.

Voyage 2019 Foto: Voyage
Der Verkehr in The Villages ist übersichtlich.

Neben den ruhigen Verkehrsbedingungen sind die Bewohner das größte Plus. Die älteren Menschen wollen mobil sein, möchten sich häufig aber nicht mehr mit einem eigenen Auto belasten. Viele fühlen sich auch gar nicht mehr fit genug, selbst zu fahren. In den Villages ist also nahezu jeder Einwohner ein potenzieller Voyage-Kunde. Die Feindschaft, die den Roboterautos aktuell in anderen US-Städten entgegenschlägt, gibt es nach Unternehmensangaben bei den Florida-Senioren nicht. Im Gegenteil: Die Roboter sind keine potenzielle Gefahr, sondern herzlich willkommen. Eine perfekte Umgebung trifft auf die perfekten Kunden – für Mobilitätsdienstleister ein Paradies. Und ein Wachstumsmarkt: Senioren-Residenzen liegen in den USA schwer im Trend.

Autonome Shuttles als Ergänzung zum ÖPNV-Netz

In Deutschland gibt es keine derartig homogenen Siedlungen. Hier kommt stattdessen zunehmend der ländliche Raum in der Fokus der Mobilitätsdienstleister. Eine aktuelle Studie der Unternehmensberatung Roland Berger etwa bewirbt dünner besiedelte Regionen mit ihren einfacheren Verkehrssituationen als ideale Gelegenheit für Autohersteller, kommunale Betriebe und die Politik, zukunftsträchtige Mobilitätsmodelle auszuprobieren. Zum einen seien Roboterbus-Dienste als Ergänzung zum dünnen ÖPNV-Netz denkbar, zum anderen individuellere Transportdienstleistungen für die "letzte Meile" zum Supermarkt oder zum Restaurant. Orte, die älteren Menschen die Teilnahme am sozialen Leben ermöglichen. Für diese Dienstleistungen mit deutlichem Komfortgewinn für die Kunden könnte der Betreiber höhere Preise verlangen, prognostizieren die Berater. Daraus ergebe sich ein profitables Geschäftsmodell mit rund 16 Prozent Gewinn. Das Geld und die Erfahrung könnten anschließend helfen, die Technik in die Großstädte zu bringen – wo der Verkehr komplizierter und der Markt schwieriger ist.

Die Konzentration auf eine ältere Kundschaft ist in jedem Fall naheliegend. Durch anhaltend niedrige Geburtenziffern und eine steigende Lebenserwartung liegt der Anteil der Über-65-Jährigen an der EU-Bevölkerung mittlerweile bei 19 Prozent. In Deutschland sogar bei 21 Prozent. Und mit zunehmendem Alter fällt das Selbst-Fahren immer schwerer. Wenn Senioren über 75 Jahren in Unfälle verwickelt sind, haben sie diese zu 75 Prozent selbst verursacht, wie die Allianz-Versicherung ermittelt hat. Gerade für solche Menschen wären autonome Autos eine Möglichkeit, lange mobil zu bleiben. Dieser Vorteil könnte auch die tendenziell größere Hemmschwelle ausgleichen, die ältere Menschen eher als junge an der Nutzung von Autos ohne Lenkrad und Pedalerie hindern könnte.

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