UITP 2019 Mobilitätskongresss

Mobilität der Zukunft

UITP 2019 Foto: Thorsten Wagner 5 Bilder

Unter dem Motto "The Art of Public Transport" trifft sich die globale Verkehrsbranche zum Kongress in Stockholm. Urbane Mobilität steht im Mittelpunkt, einige Konzepte sind schon recht serienreif.

Auch wenn der UITP Kongress vor allem ein Verbandstermin mit langatmigen Reden und informationsgespickten Paneldiskussionen ist, so ist für die meisten Buskunden doch deutlich relevanter, was an neuen Produkten auf den Messeständen zu sehen ist. 2019 lud der aktuelle Präsident Pere Calvet Tordera zum zweiten Mal ein. Zusammen mit dem regionalen Transportminister Kristoffer Tamsons eröffnete der Katalane auf dem beschaulichen Stockholmer Messegelände die Veranstaltung, der wieder viele Tausende Experten aus der ganzen Welt gefolgt waren.

Zum kunstvollen Arrangement gehörte nicht nur bei der Eröffnungsfeier eine gekonnte ABBA-Einlage, auch auf diversen Standpartys konnte den Klängen von Waterloo und Co. in unterschiedlichen Qualitätsstufen gelauscht werden. Kunstvoll kann man auch die Positionierung des umstrittenen chinesischen Huawei-Konzerns mit einem Stand ohne sichtlichen Fahrzeugbezug als klare Pufferzone zwischen den Traton-Schwestern MAN und Scania nennen. 5G ist das Stichwort und wird uns in Zukunft noch beim Thema Autonomes Fahren begegnen, ob mit oder ohne fernöstliches Zutun. Noch ist dieses Thema eher eines der Visionen als der Straße, auch wenn sich zwei Navya People Mover vor dem Messegelände alle Mühe geben, auf dem kurzen Weg zur Metrostation Alvsjö einen anderen Eindruck zu erwecken. Sie gehören fast schon zum Standardprogramm eines jeden Events zum Thema Mobilität. Die eigentliche Neuheit bietet aber Platzhirsch Scania mit dem Star der Messe, dem Midi-Konzept NXT, das mit einer modularen Bauweise auf einer Kunststoffkarosse von rund 7,5 Tonnen Gewicht überraschen konnte (das Thema, dass schon Neoplan in den 80ern mit dem MIC bediente, erfährt gerade eine veritable Renaissance).

Scania NXT wird kein Showcar bleiben

Neben dem modernen Busmodul mit breiter mittiger Doppeltür (Volvos erster reiner Electricity-Batteriewagen aus Göteborg lässt schon grüßen!) kann das Konzept, dass mittelfristig mit der gleichen Level 5 Software ausgerüstet werden soll wie die 12 Meter Busse, die für den Transfer nach Barkaby angekündigt wurden, bis zu 55 Personen in einem hochmodernen Innenraum befördern. "Das Highlight des Busses ist aber der interaktive Globus direkt hinter der Tür, der berührungssensitiv ist, und mit dem der Fahrgast Ridepooling-Funktionen bedienen kann," erklärt Michael Bedell, der für das Design zuständig war. "In der modernen, leicht nach vorne gekippten Front haben wir zudem neben den vielen Sensoren Warnleuchten untergebracht, die es dem Passagier außerhalb des Busses erlauben, zu erkennen, was der Bus gerade macht und ob er ihn erkannt hat."

Als weiteren Gag hat der Designer eine Glassphäre in der Frontscheibe installiert, die ein Modell der jeweiligen Stadt und der Route des Busses abbildet. Einen Fahrerplatz gibt es dagegen nicht mehr: "Wir wollten ausprobieren, wie man den Innenraum einfach ganz neu konzipieren kann, wenn man alte Konzepte hinter sich lassen kann." Man darf gespannt sein, wann dieses Konzeptfahrzeug erstmals fahrend zu erleben sein wird. Es soll nicht beim Messe-Showcar bleiben.

Solaris H2-Bus mit 350 Kilometer Reichweite

Ähnlich grundstürzend gehen Unternehmen wie Solaris und Van Hool beim Thema Antrieb vor: Wasserstoff soll als Energieträger langfristig Diesel oder Strom ersetzen. Bei Solaris verbindet man sein neues Konzept, das die große neue Ballard-Zelle und eine kleine Pufferbatterie beinhaltet, mit den letzten Designanpassungen, die eher kosmetischer Natur sind. "Wir sind als kleine, aber wendige Firma einfach schneller in der Lage, solche Konzepte umzusetzen, wobei wir immer darauf achten, dass die Technik auch zuverlässig ist," erläutert uns Javier Calleja, der neue CEO, der vom neuen Besitzer CAF entsandt wurde, und bereits seine zweiten hundert Tage in Bolechowo hinter sich gebracht hat.

Schätzungen der Polen zufolge wird der Anteil der emissionsfreien Busse an der Anzahl der neu zugelassenen Fahrzeuge für die Innenstädte in den nächsten zehn Jahren nahezu 60 Prozent erreichen. Während umweltschonende E- und O-Busse für den polnischen Hersteller fast schon zum Alltag gehören, ergänzt Solaris nun seine Produktpalette um die Wasserstoff-Technologie, in der es eine weitere Säule der Elektromobilität sieht. Die neue 60 kW leistende Ballard-Zelle liefert ihr Energie an die ZF AxTrax 130 Achse mit 250 kW und beachtlichen 22.000 Newtonmetern an maximalem Drehmoment. Die neuen, leichten Typ 4 Druckbehälter auf dem Dach fassen fünf Mal 312 Kilo Wasserstoff bei einem Druck von 250 atü. Als besonderen Clou bietet der Wagen die neue CO2-Wärmepumpe Konvekta UL500 mit Energy Collect, einem hochentwickelten System, das sogar die Abwärme der Brennstoffzelle noch in Energie umwandelt und so die Gesamteffizienz weiter steigert und auch die Reichweite auf rund 350 Kilometer erweitert. Daimlers eCitaro wird dieses zusätzliche System ebenfalls bald implementiert bekommen. Passend zum Launch des neuen Wasserstoffbusses verkünden die Verkehrsbetriebe in Bozen, die seit langem auf das Thema setzen, den Kauf von den ersten Wasserstoffbussen des Typs und auch die Pariser RATP will 2020 einen Bus für drei Wochen testen - allerdings bisher ohne feste Kaufabsichten. Es kommt also wieder Zug ins Thema alternative Kraftstoffe, auch wenn es einige Jahre geschlummert hat.

Van Hool liefert 40 H2-Busse nach NRW

Nicht geschlafen hat auch der belgische Hersteller Van Hool, der seinen Wasserstoffbus A 330 für die RVK Köln und die Wuppertaler Verkehrsbetriebe erstmals als Zweiachser mit optimierter Gewichtsverteilung vorstellen konnte. Mit 40 Bussen, die zeitnah geliefert werden, hat man nach Aussage von Technikchef Jan Van Hool "die derzeit größte Flotte von Wasserstoffbussen in Europa auf die Straße gebracht." Allerdings ist man im Gegensatz zu Solaris auf Nummer Sicher gegangen und hat auf die bewährte Ballard-Zelle gesetzt - man wolle nicht zu viel am Gesamtsystem ändern.

Rob Campbell, CEO des kanadischen Marktführers für die Zellen, war eigens zur Übergabe des Busses an seinen neuen Betreiber zum kleinen, aber feinen Van Hool Stand gekommen. Und es wird sogar bald weiter gehen mit der Wasserstoff-Erfolgsgeschichte: Im Jive 2 Projekt der EU sollen weitere Busse nach Köln rollen, wie RVK-Projektleiter Jens Conrad nicht ohne Stolz in Stockholm verraten kann. Insgesamt darf man also davon ausgehen, dass dem reinen batterielektrischen Bus ein ernsthafter Konkurrent erwächst, der sich als Gamechanger gerade für lange Strecken herausstellen könnte. Daimler wird seine kleine, aus dem Pkw stammende Zelle 2022 in den eCitaro implementieren, sie wird aber die große Batterie nur unterstützen, was wiederum bedeutet, dass der Betreiber gleich zweimal eine Infrastruktur aufbauen muss.

Zahlreiche E-Busse prägen die Messe

Elektrobusse spielen seit einigen Jahren eine überragende Rolle auf dem UITP Kongress, was nicht weiter verwunderlich ist. Mittlerweile trauen sich nur noch wenige Hersteller mit Dieselexponaten aus der Deckung. Konkret war es in Stockholm nur Isuzu, die auf dem europäischen Markt kaum eine Rolle spielen. Die türkischen Konkurrenten Otokar und Temsa sind da schon einen Schritt weiter und bieten erstmals bzw. schon zum wiederholten Male ihre Interpretation des Elektrothemas an: der 12 Meter lange Otokar Kent E besticht durch sein ansprechendes Design, dessen schwungvolle LED-Lampen es sicher genauso wenig in die Serie schaffen werden wie die des Mercedes Future Bus respektive des eCitaro. Der schmückt nun schon beinahe als guter Bekannter den Daimler Stand - auch wenn er hier noch mit seinen zehn statt der jetzt auch lieferbaren zwölf Batteriemodule bestückt ist, die seine Reichweite deutlich in Richtung 300 Kilometer pushen.

Eine ähnliche Reichweite soll der Otokar bieten, der allerdings im Gegensatz zum Mannheimer Vorzeigeschüler ein weitgehend freigeräumtes Heck bieten kann. MANs bildschöner Lion's City E ziert den Stand der Münchener nun nach IAA und Bus2Bus bereits zum dritten Mal, in Serie geht er 2020 als Solo- und 2021 als Gelenkbus. Vorerst setzten die "Tratonier" allerding noch auf den runderneuerten Stadtbus, der mit neuem Dieselaggregat und EfficientHybrid deutliche Einsparungen liefern soll. "Die Take-Rate des Systems liegt bei vielen Kunden schon heute bei fast 100 Prozent", verrät Buschef Rudi Kuchta im Interview. Ein Exponat auf dem Stand zeigt die Funktionsweise des Systems, das im Gegensatz zu dem Pendant von Daimler auch eine Stopp-Start-Funktion bietet.

Temsa ist gleich mit zwei Elektrobussen vertreten, dem ausgewachsenen Avenue Electron sowie dem Midibus MD9, mit dem die Türken beinahe ein Alleinstellungsmerkmal bieten, das im Heimatmarkt auch schon durchgestartet ist. Bisher hielt sich die deutsche Dependance beim Thema sehr zurück, der zusammengebrochene Busmarkt der Türkei zwingt die Bad Rappenauer jetzt aber zu mehr Drehzahl beim strombetriebenen Vertrieb. Der baskische Hersteller Irizar wiederum komplettiert sein Angebot um einen 12 Meter-Wagen im Tram-Design sowie dem Gelenkbus als zivile Version. Wie schon bekannt hat das Unternehmen 2017 als erstes eine reine Elektromobilitätsfabrik eröffnet und mit seinem deutschen Vertrieb über Ferrostaal in Essen jetzt auch erste zarte Erfolge zu verzeichnen.

Deutlich unbescheidener kann sich Marktführer VDL (zusammen mit Solaris) geben, der nun mit dem Dreiachsigen LE Vertreter XLE als Stromer seine gesamte Stadtbuspalette elektrifiziert hat - und zudem noch eine Schippe bei der Batteriekapazität zulegt und weit über 300 kWh auf das Dach packt. Ein solches Portfolio muss ein Wettbewerber erstmal aufstellen. Zu guter letzt zeigt auch Volvo nochmals seinen Gelenkbus als Konzept im neuen nordischen Design, wie er bereits 2017 vorgestellt und getestet wurde. Er soll mit einer erstaunlichen Antriebsleistung von 540 PS an zwei Achsen auf der Busworld in Brüssel seine finale Premiere feiern. Denn wir heißt es so schön: nach der Messe ist vor der Messe!

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