Aus der Fuhrpark-Praxis

Mit Planung geht’s elektrisch

BVG Flotte 2019 Foto: Frank Hausmann

Elektro-Autos in Flotten funktionieren. Zu diesem Ergebnis kommen zwei staatlich geförderte Projekte mit Pflegediensten und den Berliner Verkehrsbetrieben.

Zu teuer, zu wenige Ladepunkte, nicht alltagstauglich: Es gibt viele Vorurteile, die immer wieder im Kontext von Elektromobilität auftauchen. Dabei gelten batterieelektrische Fahrzeuge doch als umweltfreundlich und als der Heilsbringer für stickoxidbelastete Innenstädte. Genau deshalb unterstützt der Bund zahlreiche Forschungsprojekte, um Vorurteile aus der Welt zu schaffen und die Alltagstauglichkeit von Elektromobilität sichtbar zu machen.

Vorneweg das Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) mit seinem Technologieprogramm "IKT für Elektro­mobilität III". Bis Ende 2018 testeten Praxis- und Wissenschaftsteams in zwei Projekten, unter welchen Be­­dingungen Fuhrparks unterschiedlicher Größe mit E-Autos technisch und wirtschaftlich funktionieren können. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Partner jetzt in Broschüren und Leitfäden, damit auch andere Betriebe davon profitieren können.

600.000 Kilometer rein elektrisch

Worum geht es? Da ist zum einen das Projekt mit dem sperrigen Namen S-Mobility Commercial. Drei Pflegedienste und sechs Entwicklungspartner sollten zeigen, dass Elektroautos gerade in diesem Segment gut funktionieren. Die Bilanz von Arbeiterwohlfahrt, Volkssolidarität und Lebenshilfe fiel nach 600.000 elektrisch gefahrenen Kilometern durchweg positiv aus. Sie testeten insgesamt 25 Elektroautos an acht Standorten in Erfurt und Umgebung. Morgens übernahmen Pflegekräfte ihre aufgeladenen Fahrzeuge, um anschließend mehrere Patienten zu betreuen. Die Entfernungen waren meist überschaubar, sodass die Fahrzeuge nach ihrem Einsatz in der Firma wieder Strom zapfen konnten. Pflegedienste in Städten mit einer hohen Ladestations­dichte finden außerdem im Notfall immer einen Ladepunkt.

Ergebnis: In der Pflegebranche ist auf allen Touren ein wirtschaftlicher Einsatz dieser Autos möglich. Doch natürlich gibt es auch Kritik. "Eine Herausforderung sind die noch sehr hohen Anschaffungskosten. Die werden zwar in Zukunft deutlich sinken, doch aktuell können die deutlich geringeren Betriebskosten sie noch schwer ausgleichen", sagt Frank Schnellhardt vom Konsortialführer Innomann in Ilmenau.

Halbierte Betriebskosten

Die Partner schafften es, die Stromkosten auf 15 Cent pro kWh zu drücken und damit die Betriebskosten der E-Fahrzeuge auf 50 Prozent im Vergleich zu herkömmlichen Verbrennern zu senken. So nutzten die Dienste beispielsweise eigenerzeugten Solarstrom und testeten die bedarfsabhängige Beladung der Fahrzeuge. Alles in allem verlief das Projekt mehr als erfolgreich. Die Volkssolidarität hat bereits neue E-Autos bestellt, und die Lebenshilfe will 90 Prozent ihrer Flotte elektrifizieren.

Damit auch andere Betriebe von ihren Erfahrungen profitieren, haben die Projektpartner zahlreiche Planungshilfen für Nachahmer unter www.smobility.net ins Netz gestellt. Es gibt Broschüren zu Themen wie elektromobil planen, Fahrzeugauswahl, Lade­infrastruktur für Pflegedienste, Lade- und Anschlusskosten, Mitarbeiterakzeptanz, Kundengewinnung und Fahrzeug-Sharing. Zu allen Aspekten gibt es ausführliche Tipps und Hintergrundinformationen.

Praxispartner des zweiten vom BMWi geförderten Projekts waren die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Sie nahmen bereits 2015 die ersten 30 E-Autos in den Fuhrpark auf. Bei dem Projekt E-Mobility-Scout sollte eine cloudbasierte Plattform für Flotten entwickelt werden. Konsortialführer war Carano, seit vielen Jahren Anbieter von professioneller Fuhrparksoftware. Die BVG testeten die entwickelte Plattform dann ab August 2018 im Betrieb und konnten die Kilometerleistungen der E-Fahrzeuge deutlich steigern. Insgesamt betreiben die BVG 137 E-Pkw; 10 von ihnen wurden über die IT-Plattform E-Mobility-Scout disponiert.

Der Ansatz lautet "E-Mobility as a service". Dabei werden Prozesse von Lade-, Flotten- und Infrastrukturmanagement im Hintergrund zusammengeführt, automatisiert und bei Bedarf angefordert. Weil sich das IT-System in verschiedene digitale Systeme einbinden lässt, ­können vorhandene Services genutzt werden, anstatt sie neu zu entwickeln. Bei diesem Projekt ging es vor allem darum, die Angst vor der Komplexität des ­Themas zu nehmen. Im Idealfall kann sich der ­Flottenmanager auf Knopfdruck Übersichten der Reservierungen, Ladezyklen, Störungen oder zum Energiestatus anzeigen lassen oder relevante Betriebsdaten abrufen. Allen Prozessen werden Kosten zugeordnet, um den wirtschaftlichen Einsatz der Flotte zu verfolgen.

Ab dem vierten Jahr lohnen sich E-Autos bei der BVG

Bei den BVG kam heraus, dass sich der Einsatz von E-Autos ab dem vierten Jahr – bei einer jährlichen Laufleistung von 15.000 Kilometern – realisieren lässt. Über die Gesamtlaufzeit der Fahrzeuge ergebe sich sogar ein Kostenvorteil von mehr als zehn Prozent. Für Flottenbetreiber, die oft mit spitzer Feder rechnen müssen, ist das natürlich entscheidend. "Die wirtschaftliche Nutzung der E-Mobilität ist das wichtigste Argument für eine schnelle Verbreitung", steht auch für Frank Meißner, Projektleiter beim Konsortialführer Carano Software Solutions, fest. "Noch vor der Komplexität der Nutzung bildet dies das größte Hemmnis bei den Unternehmen", weiß er.

325 elektrische Nutzfahrzeuge bis 2025

Bei den BVG jedenfalls ist man begeistert. "Wir haben unter Beweis gestellt, dass ein regional tätiges Unternehmen seine Pkw-Flotte wirtschaftlich auf Elektroantrieb umstellen kann. Ein integriertes IT-System ist dabei Voraussetzung für ein effizientes Pooling", sagt Projektleiter Heinrich Coenen. Nach dem positiven Fuhrparktest steht bei den Berliner Verkehrsbetrieben fest: Bis 2025 soll nun auch die Nutzfahrzeugflotte mit 325 Fahrzeugen vollständig elektrifiziert werden.

Damit auch Außenstehende von den Ergebnissen dieses Projekts profitieren, haben die Partner, darunter das Fraunhofer IAO, eine Abschlussbroschüre veröffentlicht. Sie soll Fuhrparkmanager von der Praxistauglichkeit der Elektromobilität überzeugen. Der Leitfaden ist im Netz unter www.digital.iao.fraunhofer.de zu finden. Er enthält umfassende Informa­tionen zur Planung und zum Betrieb eines Elektrofuhrparks. Er liefert erste Antworten zu Themen wie "Kann ich Fahrten im Fuhrpark elektrisch abdecken?", "Fuhrparküberwachung und Reporting", "Digitales Fuhrparkmanagement" oder "Ladesteuerung für ein intelligentes Lastmanagement".

Checkliste für Umsteiger

Um herauszufinden, ob sich der Fuhrpark für Elektroautos eignet, sollte man die einzelnen Bereiche analysieren.

1. Standort: Identifizieren Sie die größten Niederlassungen mit standardisierten Fahrzeugen. Sie eignen sich am besten für die Einführung von E-Autos.

2. Fahrtenbücher: Wie hoch ist die Auslastung? Wo gibt es ­Dauerbrenner und wo gibt es Fahrzeuge, die problemlos ein­gespart werden können?

3. Elektrifizierungspotenziale: Reichen die Standzeiten für die Ladevorgänge? Wie groß müssen die Akkus sein? Welche Fahrzeuge können mit welcher Infrastruktur kurz-, mittel- und langfristig elektrifiziert werden?

4. Entscheidungsvorlage: Neben Fahrzeug und Lademöglichkeit sollte sie den Einführungsprozess mit allen organisatorischen Umstellungen beschreiben. Ebenso alle zeitlichen und finanziellen Aspekte.

5. Umsetzung: Führen Sie E-Autos stufenweise ein. Beginnen Sie zunächst an einem Standort. Erst wenn’s dort funktioniert, sollten die nächsten Standorte folgen. Beginnen Sie mit mehreren Fahrzeugen, die nach der Startphase an andere Standorte verteilt werden.

6. Weitere Maßnahmen: Informieren Sie sich über die Integra­tion systemgestützter Dispositions- und Lademanagement­lösungen. Auch die Integration von Carsharing und Fahrrädern ist sinnvoll.

Elektroautos in Deutschland 2020
Preise, Reichweite, Verbrauch E-Autos
Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
firmenauto Titel 01 2020
01/2020 29. November 2019 Inhalt zeigen
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