Verfügbarkeit beim Laden reicht nicht mehr

Ladeinfrastruktur zählt nur, wenn sie lädt
Warum Verfügbarkeit allein nicht reicht

Beim öffentlichen Laden zählt nicht nur, ob ein Ladepunkt auf der Karte erscheint. Entscheidend ist, ob der Ladevorgang zuverlässig startet, stabil läuft und korrekt abgerechnet wird, sagt Lorenz Schagemann, Director of Group Central Data & System Operations bei Mer Germany.

Defekte Ladesäule 2026
Foto: Nicole Holzer/KI-Bearbeitung: ChatGPT, OpenAI

Für Dienstwagenfahrer und Fuhrparkverantwortliche ist nicht entscheidend, wie viele Ladepunkte auf einer Karte angezeigt werden. Entscheidend ist, ob der Ladevorgang beim ersten Versuch startet, sauber läuft und verlässlich abgerechnet werden kann. Genau daran entscheidet sich, ob öffentliche Ladeinfrastruktur Vertrauen schafft – oder zum Störfaktor im elektrischen Fuhrpark wird.

Zahl der Ladepunkte sagt wenig aus

Der Ausbau öffentlicher Ladeinfrastruktur gilt als eine der zentralen Voraussetzungen für den Hochlauf der Elektromobilität. Entsprechend wird der Fortschritt in Europa bis heute oft über eine Kennzahl bewertet: die Anzahl der installierten Ladepunkte. Diese Sicht greift mit wachsender Marktreife jedoch zu kurz. Die reine Menge sagt wenig darüber aus, wie leistungsfähig ein Ladenetzwerk im Betrieb tatsächlich ist.

Deutschland verfügt nach Angaben der Bundesnetzagentur seit März 2026 über rund 148.000 Normalladepunkte, gut 50.000 Schnellladepunkte und eine installierte Ladeleistung von insgesamt 8,4 Gigawatt. Europaweit summiert sich das Netz laut European Alternative Fuels Observatory inzwischen auf mehr als eine Million Ladepunkte. Damit hat der Ausbau eine Größenordnung erreicht, bei der der Blick stärker auf die tatsächliche Nutzbarkeit fallen muss.

E-Dienstwagen brauchen verlässliches Laden

In der Praxis zeigt sich eine Lücke zwischen installierter Infrastruktur und verlässlicher Nutzung. Wer mit dem E-Dienstwagen unterwegs ist, braucht keine theoretische Verfügbarkeit, sondern einen funktionierenden Ladepunkt, eine stabile Authentifizierung und einen nachvollziehbaren Preis.

Die „Public Charging Study 2025“ von Uscale zeichnet ein gemischtes Bild. Zwar bewertet die große Mehrheit der Befragten das öffentliche Laden insgesamt positiv. Gleichzeitig berichten neun von zehn Nutzerinnen und Nutzern von Problemen beim Laden, bei rund einem Drittel treten diese sogar regelmäßig auf. 76 Prozent sind bereits auf defekte Ladepunkte gestoßen, mehr als die Hälfte hatte Schwierigkeiten beim Starten des Ladevorgangs oder bei der Authentifizierung.

Lorenz Schagemann 2026
Mer Germany

Beim öffentlichen Laden zählt nicht nur, ob ein Ladepunkt auf der Karte erscheint. Entscheidend ist, ob der Ladevorgang zuverlässig startet, stabil läuft und korrekt abgerechnet wird, sagt Lorenz Schagemann, Director of Group Central Data & System Operations bei Mer Germany.

ADAC-Test sieht Schwächen

Auch unabhängige Tests zeigen Schwächen. Untersuchungen des ADAC an Autobahnstandorten in Nordrhein-Westfalen weisen auf technische Mängel, zu geringe Leistungsfähigkeit und unzureichende Kostentransparenz hin. Die Schlussfolgerung ist klar: Ladepunkte sind vorhanden, ihre Nutzbarkeit ist aber nicht selbstverständlich.

Technische Verfügbarkeit reicht nicht

In diesem Zusammenhang wird häufig über technische Verfügbarkeit gesprochen. Die Kennzahl beschreibt den Zeitraum, in dem ein Ladepunkt grundsätzlich betriebsbereit ist. Auf den ersten Blick eignet sie sich, um die Qualität eines Ladenetzwerks zu bewerten. In der Praxis ist ihre Aussagekraft jedoch begrenzt.

Ein Problem liegt in der fehlenden Standardisierung. Ladeinfrastrukturbetreiber verfolgen zwar im Kern dasselbe Ziel: Sie wollen messen, wie lange ein Ladepunkt funktionsfähig ist. Die konkrete Berechnung unterscheidet sich aber. Je nach Betreiber variieren die betrachteten Segmente, Leistungsstufen, Statusmeldungen und Auswertungsebenen.

OCPP-Status kann unterschiedlich zählen

So können OCPP-Zustände wie „Unavailable“ unterschiedlich gewertet werden. Auch die Frage, ob technische Verfügbarkeit auf Ebene einzelner Ladepunkte oder ganzer Standorte berechnet wird, verändert das Ergebnis. Gleiches gilt für die Zeiträume, die in die Berechnung einfließen. Verfügbarkeitswerte sind deshalb nur eingeschränkt vergleichbar. Oft sagen sie mehr über die Messlogik aus als über die reale Ladeerfahrung.

Laden hängt von mehreren Systemen ab

Hinzu kommt ein konzeptionelles Problem: Ein erfolgreicher Ladevorgang ist kein isoliertes Ereignis. Er entsteht aus dem Zusammenspiel von Hardware, Connectivity, Backend-System, Autorisierung und operativen Prozessen. Fällt eine dieser Ebenen aus oder läuft instabil, kann der Ladevorgang scheitern, obwohl der Ladepunkt formal als verfügbar gilt.

Nutzungserfolg braucht eigene Kennzahlen

Für Fahrerinnen und Fahrer verdichtet sich diese Komplexität zu einer einfachen Erwartung: Das Laden muss funktionieren, möglichst beim ersten Versuch. Genau hier setzt eine andere Betrachtung an. Neben Hardware-, Connectivity- und Systemverfügbarkeit braucht es Kennzahlen, die den tatsächlichen Nutzungserfolg abbilden.

CPOs wie Mer Germany arbeiten deshalb mit KPIs wie der Charging Success Rate. Sie misst, ob ein Ladevorgang beim ersten Versuch startet und erfolgreich abgeschlossen wird. Damit wird Qualität nicht abstrakt über Verfügbarkeitswerte beschrieben, sondern am Ergebnis für die Nutzerinnen und Nutzer gemessen.

Fehlladungen treffen elektrische Flotten

Das ist für elektrische Flotten besonders relevant. Wenn ein Ladevorgang scheitert, entstehen nicht nur Wartezeiten. Es kann auch Tourenplanung, Einsatzbereitschaft, Fahrerzufriedenheit und die Akzeptanz von E-Fahrzeugen beeinträchtigen. Gerade im Unternehmenskontext zählt deshalb nicht nur, ob ein Ladepunkt existiert, sondern ob er zuverlässig betrieben wird.

Qualität zeigt sich nicht in der Abwesenheit jeder Störung. Entscheidend ist, wie professionell Betreiber mit Störungen umgehen. Dazu gehören sauberes Monitoring, klare Messmethoden, kurze Reaktionszeiten und die Fähigkeit, unterschiedliche technische Abhängigkeiten zu beherrschen.

Netz, Mobilfunk und Backend wirken zusammen

Viele Einflussfaktoren lassen sich nicht vollständig kontrollieren. Netzanschlüsse, Mobilfunk, Backend-Kommunikation oder fahrzeugspezifische Besonderheiten können den Ladevorgang beeinflussen. Umso wichtiger ist ein Betriebsansatz, der technische Stabilität, Systemintegration und operative Prozesse gemeinsam betrachtet.

Studien zeigen zudem, dass die Akzeptanz von Elektromobilität nicht nur durch tatsächliche Ausfälle sinkt. Auch wahrgenommene Probleme wirken sich aus. Komplizierte Bezahlprozesse, unzuverlässige Apps oder fehlende Transparenz können dazu führen, dass öffentliche Ladeinfrastruktur als unsicher oder unberechenbar empfunden wird.

Schlechte Ladeerfahrung kostet Nutzer

Für Betreiber öffentlicher Ladeinfrastruktur ist Zuverlässigkeit damit auch ein wirtschaftlicher Faktor. Untersuchungen aus mehreren europäischen Märkten zeigen, dass negative Ladeerfahrungen das Verhalten von E-Fahrerinnen und E-Fahrern beeinflussen. Wer wiederholt auf nicht funktionierende Ladepunkte trifft, weicht auf andere Anbieter aus.

Zuverlässige Standorte können dadurch eine höhere Auslastung und eine stabilere Erlösbasis erreichen. Unzuverlässige Ladepunkte verlieren dagegen an Nachfrage, selbst wenn sie auf dem Papier verfügbar sind. Nutzererfahrung wird damit zur Verbindung zwischen technischer Qualität und wirtschaftlichem Erfolg.

Ausbau allein reicht nicht mehr

Für Fuhrpark- und Mobilitätsverantwortliche bedeutet das: Beim Blick auf Ladeinfrastruktur reicht die Zahl der Ladepunkte nicht aus. Relevanter wird, wie stabil ein Standort unter realen Bedingungen funktioniert, wie transparent der Ladevorgang ist und wie schnell Probleme behoben werden. Der Wettbewerb verlagert sich damit vom Ausbau in den Betrieb.