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Dauerparker Ärger an der Ladesäule

Foto: WILFRIED WULFF

Falschparker, Blockierer und immer mehr Hybridfahrzeuge, die mit Elektroautos um die raren Plätze an Ladesäulen buhlen. Die Versorger ändern jetzt die Strategie und führen Parkgebühren ein. Das soll den Durchsatz erhöhen.

Reichweitenangst kennt Jo Carle nicht. Selbst wenn der Stuttgarter Architekt sein Model 3 nicht an den Superchargern von Tesla oder der eigenen Wallbox lädt, könnte er viele öffentliche Ladestationen in der schwäbischen Landeshauptstadt anfahren. Eine davon fast direkt vor seinem Büro. Genau die ist aber permanent von einem Cayenne belegt. "Der Porsche-Fahrer missbraucht die Ladesäule als Dauerparkplatz für seinen Plug-in Hybriden", ärgert sich Carle.

Ähnlich geht es immer mehr Fahrern von E-Autos. Seit der Bund nicht nur die Anschaffung reiner Elektrofahrzeuge subventioniert, sondern auch die von Plug-in Hybriden, gehen die Zulassungszahlen durch die Decke. Kein Wunder, reduziert sich selbst bei Hybriden der Kaufpreis um bis zu 5.672 Euro netto. Nicht zu vergessen die halbierte Dienstwagensteuer. Einzige Voraussetzung: Der Steckdosen-Verbrenner muss mindestens 40 Kilometer elektrisch schaffen. Wirklich sauber unterwegs ist aber nur, wer regelmäßig lädt und mit Strom fährt.

Vielfahrer kommen dabei nicht umhin, öfter an öffentlichen Ladesäulen zu laden. Doch obwohl die PHEV kleine Akkus haben, laden die meisten Modelle nur langsam und belegen die Ladesäulen drei und mehr Stunden, bis die Batterie voll ist.

Dementsprechend sind sie an öffentlichen Stationen keine gern gesehenen Gäste. Sie blockieren Plätze, die andere zwingend brauchen, um mobil zu bleiben. Die Zahl reiner E-Fahrzeuge und damit ihr Anteil im Straßenverkehr wächst stetig. Ihre Besitzer haben vor allem in Städten deshalb immer öfter Probleme, freie Ladesäule zu finden.

Foto: Hanno Boblenz
"Ladesäulenblockierer sind ein echtes Ärgernis, speziell in der Innenstadt." Jo Carle, Geschäftsführer Jo Carle Architekten

Dazu kommen wie im Falle von Architekt Carle die Dauerlader. Sie lassen ihr Fahrzeug einfach stehen und blockieren den Ladepunkt. Ein Meeting oder den Besuch beim Kunden unterbrechen, um das geladene Auto abzustöpseln? Undenkbar. Warum sich die Mühe machen, wenn der Strom nicht mehr nach Ladezeit, sondern nach Menge abgerechnet wird?

Was als faire Abrechnung speziell für die Besitzer langsam ladender E-Autos eingeführt wurde, entwickelt sich zum Bumerang für die Energiebranche. Die EnBW, mit 3.800 eigenen Ladepunkten einer der Marktriesen im Geschäft mit der E-Mobilität, stellte im März 2019 auf das neue Bezahlmodell um. An allen 100.000 Zapfstellen, zu denen die EnBW über die Lade-App Zugang bietet, bezahlen die Kunden den gleichen Preis pro Kilowattstunde, egal, wie lange sie stehen. Gleichzeitig sah der Konzern von Strafen in Form von Standgebühren ab und appellierte an den Gemeinschaftssinn der Autofahrer. Ist der Akku voll, solle man doch bitte wegfahren.

Mit wenig Erfolg, wie die Praxis zeigt. Auch Architekt Carle beschwerte sich schon bei dem Versorger über den Dauerparker. "Scheinbar wurde er von der EnBW abgemahnt." Wer aber beispielsweise am Samstagvormittag in der Stuttgarter Innenstadt einen freien Ladepunkt sucht, kann verzweifeln. Obwohl viele Säulen anzeigen, dass kein Strom mehr fließt, sind sie stundenlang von denselben Autos belegt. Andreas Hohn vom Verein Electrify BW, Stuttgart, fordert deshalb ein Umdenken. "Nachdem ein Auto geladen hat, müssten Parkgebühren fällig werden", meint er.

Andere Anbieter, beispielsweise Maingau Energie, haben längst reagiert. Das Unternehmen betreibt zwar nur knapp 100 eigene Ladepunkte in der Rhein-Main-Region, bietet aber europaweit Zugang zu 90.000 Ladepunkten und rechnet wie die EnBW im Roaming zu Einheitspreisen ab. Wer jedoch länger als eine Stunde lädt, muss eine Parkgebühr bezahlen, bei Starkstrom ab der 60. Minute, bei den Standardsäulen mit Wechselstrom ab vier Stunden. "Die Einführung des Standzeitenzuschlags hat aus unserer Sicht zu einem bewussteren Laden unserer Kunden geführt", sagt Pressesprecherin Carolin Henneberg.

Es war vor allem ein Grund, der Maingau im Mai 2019 zur Einführung bewog: Weil es in Deutschland weniger Ladesäulen als Elektroautos gibt, sollten die Säulen nach dem Laden wieder anderen E-Fahrern zur Verfügung stehen. Für nachlässige Kunden kann das teuer werden, denn laut Aussage von Maingau ist die Standgebühr nicht gedeckelt. Die Uhr tickt so lange weiter, bis das Auto weggefahren wird. Pro Minute fallen knapp unter 10 Cent an, die Stunde parken, ohne zu laden, kostet also rund sechs Euro. Mit dem Effekt, dass man es sich zweimal überlegt, das Auto über Nacht stehen zu lassen.

Foto: Hanno Boblenz
"Wir werden eine auf knapp 12 Euro gedeckelte Blockiergebühr einführen." Peter Siegert, Manager E-Mobility, EnBW

Auch Tesla hat sich eine Regelung einfallen lassen, die den Geldbeutel belastet. Nach Ende des Ladevorgangs berechnet Tesla 40 Cent pro Minute. Sind alle Ladesäulen belegt, erhöht sich die Strafe sogar auf 80 Cent. Andere Autostromanbieter wie beispielsweise Freshmile untersagen in ihren AGB, Säulen zu blockieren. Strom wird auch hier nach Kilowattstunden abgerechnet. Nun rudert auch die EnBW wieder zurück und kündigt eine Blockiergebühr an. "Wer länger als vier Stunden lädt, muss künftig mehr zahlen", erklärt Peter Siegert, Manager E-Mobilität bei der EnBW. Das gelte für die eigenen Stromspender ebenso wie für Fremdsäulen. "Wir haben aber einen Kostenairbag eingebaut. Es werden maximal 12 Euro fällig", sagt Siegert.

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Bleibt zu hoffen, dass solche Modelle die E-Autos in die Parkhäuser treiben. Und dass wieder mehr Bewegung an die Säulen kommt. Denn nur wenn Strom fließt, fließt Geld in die Kassen der Versorger. Und nur wenn sich das Geschäftsmodell für sie lohnt, stellen sie mehr Stromtankstellen auf. Peter Siegert wünscht sich aber auch Unterstützung von den Kommunen. "In Hamburg beispielsweise darf man maximal zwei Stunden laden", sagt er. Auch andere Städte begrenzen die Parkdauer an der Stromtankstelle. Ahrensburg in Schleswig-Holstein etwa auf drei Stunden, allerdings nur an Werktagen. Wer länger steht, riskiert ein Knöllchen.

Apropos Ordnungshüter: Was können die Ordnungsämter der Städte machen? Grundsätzlich darf jede Stadt selbst entscheiden, wie sie mit Falschparkern an öffentlichen Ladesäulen umgeht. Denn noch immer gibt es unbelehrbare Diesel- und Benzinfahrer, die ihr Fahrzeug dort parken, wo andere gerne laden möchten. "Für uns ist das noch schlimmer, als wenn ein E-Auto oder Plug-in Hybride die Ladesäule blockiert", sagt Siegert. Die EnBW verlegt deshalb vorsorglich Sensoren vor neuen Starkstrom-Zapfstellen. So könnte das Unternehmen erkennen, wenn dort ein Auto steht, ohne dass die Säule aktiviert ist.

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Der Gesetzgeber hat das Problem erkannt: Seit der Novellierung der StVO im April 2020 können Städte, Kommunen und Gemeinden jetzt zumindest ein höheres Bußgeld von 55 Euro fordern, wenn unrechtmäßig auf einem E-Parkplatz geparkt wird. Wer mal wieder verzweifelt eine freie Ladesäule sucht, wird sich definitiv freuen, wenn ein Knöllchen hängt. Dieser Falschparker dürfte sich künftig einen anderen Parkplatz suchen. Ebenso wie der Dauerparker vor Jo Carles Büro.

Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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