70 Jahre Alfa Romeo 1900

Mit Vollgas und Vielfalt in die Moderne

Alfa Romeo 1900 Foto: Alfa Romeo 10 Bilder

Er gilt als Urmaß für alle Alfa der Moderne und dennoch ist der in 30 Karosserien gebaute Typ 1900 ein wenig in Vergessenheit geraten. Zu Unrecht, denn als bella Berlina, rasanter Mille-Miglia-Racer, stilbildender Spider oder fantasievolle "Fledermaus" B.A.T. bot der Alfa alles, was italienische Autos unwiderstehlich macht

Der Zweite Weltkrieg, die vielleicht dunkelste Zeit für die Menschheit, war kaum vorüber, da schien schon wieder alles wie früher: Kaiser, Könige und die High Society kauften neue, exorbitant teure Luxusautos und das besonders gerne bei Alfa Romeo, damals Inbegriff exklusivster italienischer Eleganz und Motorenbaukunst, also so wie heute vielleicht Ferrari. Immerhin führte Alfa mit dem Tipo 158 auch auf den Rennstrecken das Feld an und sicherte sich so 1950 die erste Formel-1-Weltmeisterschaft. Allerdings ist Motorsport bekanntlich kostspielig und deshalb sollte das seit 1947 unter dem legendären Motorenmagier Orazio Satta Puglia entwickelte Volumenmodell Alfa Romeo 1900 die Kasse füllen.

Tatsächlich markierte die vor 70 Jahren vorgestellte 1900 Berlina für die Mailänder Marke den Sprung von der Manufaktur in die Fließbandfertigung und das mit den Fortschritts-Insignien selbsttragende Karosserie und moderne Pontonform. Das Publikum war begeistert und orderte weit mehr Alfa 1900 als die aus den USA bezogene Fließbandanlage im alten Alfa-Werk Portello liefern konnte. Gerade einmal 21.300 Autos wurden in neun Jahren gefertigt und davon viele noch fast in reiner Handarbeit. Denn zum weltweit bewunderten automobilen Diamanten avancierte der Alfa 1900 erst durch den Feinschliff von zwölf Karossiers, die den kräftigen Vierzylinder als Coupé, Cabrio, Kombi, Spider, staatstragende Stretch-Limousine oder fantastisch anmutende Aerodynamikstudien B.A.T. einkleideten.

Der erste Nachkriegs-Alfa katapultierte den norditalienischen Kleinserienhersteller in neue kommerzielle, technische und stilistische Sphären. Legte der Typ 1900 doch die Grundlage für die Giulietta, mit der Alfa Romeo 1955 endgültig in die Liga der sportlichen Volumenmarken abhob und auf Augenhöhe mit Borgward und später BMW um Kunden warb, die gerade noch erschwingliche Premiumpreise für raffinierte Fahrdynamik bezahlten. Weg von der reinen Luxuslehre, hinein in ein frisches Marktsegment, davon kündete auch die Kühlerfront der 1900 Berlina mit den beiden völlig neu gestalteten Baffi, die gemeinsam mit dem großen Herz das Alfa-Gesicht prägten. Eine Front, die noch heute Giulia oder Stelvio auf den ersten Blick als Alfa Romeo ausweist. Auch 1950 genossen die Grundzüge des Alfa Gesichts bereits Bekanntheit, dafür hatte das vorausgehende Luxusmodell 6C gesorgt. Aber eben noch nicht in flacher, langgestreckter Pontonform mit integrierten Kotflügeln, wie sie nun der Alfa 1900 zur Schau stellte-

Alfa Romeo 1900 Foto: Alfa Romeo
Das Design des Sprint insprierten den Sportwagenbau in ganz Europa

Mit nur einem neuen Modell frischen Glauben an die Marke hervorbringen, das könne nur Alfa Romeo, meinte ein halbes Jahrhundert später der frühere VW-Konzern-Chef Ferdinand Piech, der sein Markenimperium gerne um die schöne Mailänderin erweitert hätte. Der Alfa 1900 zeigte, welche Faszination damit gemeint war und zwar nicht nur in Form eines Vierzylinder-Sportcoupés, das 1954 in Deutschland für damals unfassbare 31.500 Mark genügend Käufer fand. Zur Einordnung: Für diesen Kurs gab es gleich drei Porsche 356 und sogar der legendäre Flügeltürer-Supersportler Mercedes 300 SL kostete rund 2.000 Mark weniger. Auch die zu Tarifen ab knapp 16.000 Mark offerierte Alfa 1900 Limousine leisteten sich nur Deutsche, die sich alternativ einen doppelt so starken BMW 3200 V8 hätten in die Garage stellen können.

War weniger Motor am Ende vielleicht mehr wert und war teurer sogar besser? Was machte die Magie des Alfa Romeo 1900 aus, der in den USA als "family car, that wins the races" beworben wurde, weil er nicht länger nur Hollywoods Schöne und Reiche begeistern sollte? Tatsächlich konnte der zwischen 80 PS und 115 PS kräftige, hochmoderne Motor mit zwei obenliegenden Nockenwellen einen betörenden und die Sinne berührenden Sound entfalten, vor allem aber sammelten die Alfa Coupés und Limousinen mit formidablem Fahrwerk dank innovativer Schraubenfedern vorn wie hinten im Kurvenkampf auf Rennkursen Siege in Serie. Neben weiteren Triumphen bei Rallyeeinsätzen erntete der Alfa 1900 auch bei berüchtigten mexikanischen Straßenrennen und natürlich bei der Mille Miglia Erfolge. Andererseits genügte die Vmax – je nach Motorisierung und Karosserieform zwischen 150 und 195 km/h – sogar auf Autostrada und Autobahn für die damals populären und gerne mit Hupe und Lichtsignalen ausgetragenen Pole-Position-Duelle, etwa zwischen Alfa, Jaguar und Porsche.

Alfa Romeo 1900 Foto: Alfa Romeo
Touring präsentierte auf Basis des Alfa 1900 die legendäre Barchetta Disco Volante.

Der Alfa 1900 konnte jedoch auch auf erfrischend andere Art überzeugen, nämlich als sechssitziger Geländewagen mit zuschaltbarem Allradantrieb und der Bezeichnung 1900 Matta. Damit präsentierte Alfa eine immerhin 100 km/h flotte Alternative zum Fiat Campagnolo, die 1952 bei der Mille Miglia einen Klassensieg herausfuhr. Wie das? Nun, es gab damals ein heute kurios anmutendes Startfeld für Militärfahrzeuge. Lohn dieses kostspieligen Allrad-Engagements waren für Alfa Großaufträge der italienischen Armee und von Polizeibehörden.

Bis zum Debüt der kompakten Giulietta war die Marke Alfa also weiterhin prestigioso und die Kunden willens, für die kunstfertig konstruierte bella macchina viel zu bezahlen. Besonders drastisch demonstrierten das die italienischen Karossiers, die den 1900 zu ihrer ersten grande amore der neuen Automobilära mit selbsttragenden Aufbauten erkoren und 30 verschiedene Designs entwarfen. Bertones begnadeter Formenkünstler Franco Scaglione baute auf dem 1900-Chassis die aerodynamischen Stilikonen B.A.T. 5 bis 9 mit fledermausartigen Flügeln und Borrani lieferte seine berühmten Speichenräder für in Kleinserien gebaute Cabriolets, Coupés und Spider von Manufakturen wie Allemano, Boano, Boneschi, Castagna, Ghia, Pininfarina oder Zagato. Touring präsentierte auf Basis des Alfa 1900 die legendäre Barchetta Disco Volante und die Carrozzeria Viotti legte einen 1900 Kombi mit Holzapplikationen auf, während Spezialist Colli Chauffeurlimousinen für Präsidenten, Monarchen oder Generaldirektoren anbot. Grundsätzlich war die Nachfrage höher als die Produktionskapazität, sogar bei der vom Fließband rollenden 1900 Berlina. Noch immer war ein nicht unerheblicher Anteil Handarbeit erforderlich und so dauerte die Fertigstellung eines Alfa 1900 fünf bis sieben Mal so lange wie die einer heutigen Alfa Giulietta.

Übrigens verdankte die erste Giulietta von 1954 ihr Designkonzept dem Typ 1900, der die italienische Linie als Urmaß für europäische Ponton-Limousinen der 1950er Jahre etablierte und nebenbei auch erstmals auf die in Italien bei noblen Typen noch übliche Rechtslenkung verzichtete. Sogar der von Pininfarina gezeichnete Peugeot 403 orientierte sich am Stil des Alfa Romeo, während das Design von 1900 Sprint und Super Sprint – teils auch Superleggera-Leichtbauweise – den Sportwagenbau bis nach Skandinavien inspirierte, wo Saab und Volvo an ersten Konzepten für schnelle Imageträger arbeiteten. Heute sind es vor allem die vielen Spezialkarosserien, die den als Limousine bis 1959 gebauten und seitdem überaus rar gewordenen Alfa Romeo 1900 vor dem Verschwinden ins Nirwana der Erinnerung bewahren.

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