Audi Charging Hub Aufladen und Tee trinken

Audi Charching Hub 2022 Foto: Audi

Mit einer Mischung aus Lounge und Ladestation will Audi Kunden im urbanen Umfeld zu sich locken. Die Marke macht vieles besser als die Konkurrenz, aber am Thema "schöner laden" arbeitet auch Tesla intensiv.

Wer zielsicher die hässlichsten Ecken Europas finden möchte, der macht sich am besten auf große Fahrt mit einem Elektroauto: Garantiert lernt der Reisende dabei Hinterhöfe am Rande der Stadt, trostlose Gewerbegebiete und die finstersten Winkel von Autohöfen im ländlichen Nichts kennen und fürchten. Das Abenteuer Ladestation zeigt allzu oft, dass die öffentlich zugängliche Infrastruktur gerade für Vielfahrer einen Strom ­düsterer Erlebnisse bereithält.

Premium ist das gerade nicht, und das hat Tesla schon lange erkannt: Darum haben die Amerikaner in Europa ein Netz von 2.000 schick gestylten Schnellladern errichtet, exklusiv für die Kunden an Knotenpunkten des Verkehrs. Nur meistens auch in eher karger Umgebung; die mitgebrachte Semmel und das Handy sind der einzige Zeitvertreib beim Auf­laden. Und bei Dauerregen gibt’s während des Anstöpselns nicht selten eine Gratisdusche kostenlos.

Audi Charching Hub 2022 Foto: Audi
Bis zu 300 kW starke Ladepunkte werden bereitgestellt.

Audi will das nun besser machen. Das Ergebnis der Arbeit des Audi-Projektleiters Ralph Hollmig ist am Messezentrum Nürnberg zu sehen. Dort eröffnete der Hersteller seinen ersten Charging Hub.

Zwei Minuten von der A 73 entfernt, U-Bahn vor der Tür, ein neues Wohngebiet gegenüber und ein Park um die Ecke: "Das ist der ideale Standort für uns", so Hollmig. Denn Audi zielt mit der Schnellladelösung auf das urbane Umfeld, für den eiligen Durchreisenden auf großer Fahrt. Der Audi-Hub sieht aus wie eine Mischung aus überdachter Ladestation und Lounge im Obergeschoss. Genau das soll die Kunden begeistern. "Das soll nicht nur eine Lösung für künftige Spitzenbedarfe bieten, sondern das Laden zu einer aktiv genutzten Lebenszeit machen", so Hollmig. In den 20 bis 30 Minuten, die der Durchschnittsbesucher dort haltmacht, kann er Pause machen.

Audi Charching Hub 2022 Foto: Audi
Behagliche Atmosphäre mit Kaffeemaschine, Internetanschluss und Arbeitsplätzen.

Wer allerdings mit einer Fremdmarke vorfährt, dem steht nur ein kleiner, karger Raum mit Snack- und Kaffeeautomat, harter Sitzbank und ­Toilettenzugang zur Verfügung. In die viermal so große Audi-Lounge mit Balkon, Sofas und Arbeitsecke kommt nur, wer einen Audi laden will. Nur er kann eine der sechs Säulen reservieren, die dann kurz vor Ankunft mit einer ausklappbaren Barriere blockiert wird.

Bei der Ladegeschwindigkeit gibt es aber keine Zweiklassengesellschaft: Alle überdachten und gut ausgeleuchteten Ladepunkte powern mit bis zu 300 kW. Ein Audi e-Tron GT ist damit unter Idealbedingungen in rund 23 Minuten auf 80 Prozent gebracht. Mit der e-Tron-Charging-Karte von Audi kostet die Kilowattstunde nur 31 Cent. Die Preise für Fremdkunden wurden noch nicht kommuniziert.

Audi Charching Hub 2022 Foto: Audi
Den reservierten Parkplatz entsperrt der Kunde per Code.

Die miteinander verbundenen Säulen nutzen ein cleveres Energie­management. Die flexiblen Container-Würfel, vor denen die ausfahrbaren Ladesäulen stecken, beherbergen gebrauchte Lithium-Ionen-Batterien aus Audi-Versuchsfahrzeugen als Stromspeicher. Sie puffern Gleichstrom und verfünffachen damit die Gesamtleistung der ­Station auf 960 kW Ladeleistung. Das öffentliche Netz lässt praktisch "nur kontinuierlich Ökostrom nachtröpfeln, so wie er im Cube gebraucht wird", erklärt Hollmig. 11 kW Ladeleistung pro Cube genügen, um die Speichermodule mit einer Gesamtkapazität von 2,45 MWh kontinuierlich zu füllen und über Nacht aufzuladen, unterstützt von Solarzellen auf dem Dach.

Da keine Genehmigung nötig ist, lässt sich ein neuer Hub in kürzester Zeit errichten. Wo, weiß der Projektleiter aber noch nicht: "Jetzt testen wir das Konzept erst einmal." Wie viele E-Autos kommen? Welche Marken? Wann? Nutzen die Besucher die Lounge, die angebotene Wagenwäsche, Testfahrten oder den E-Scooter-Verleih am Hub? Viele Fragen, deren Antworten Hollmig nicht kennt.

Vom Erfolg des Nürnberger Versuchs wird auch abhängen, ob Audi seine Charging Hubs europaweit in Citynähe platziert. Über bis zu 300 Stationen unterschiedlicher Größe spekulierte das "Handelsblatt" unlängst, eventuell in Kooperation mit einem Mineralölkonzern oder dem Ionity-Netzwerk. Die Hubs könnte aber auch der Volkswagen-Konzern für Kunden seiner Marken in Eigenregie betreiben. Laden und Lounge könnten also bald schon fast in jeder Großstadt üblich werden.

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Allzu lang zögern sollten die Ingolstädter und ihre Konzern-Verbündeten ohnehin nicht: Elektro-Erzrivale Tesla hat ­ähnliche Pläne. Die gut besuchten Supercharger-Stationen sollen ebenfalls zu heimeligen Elektro-Lounges werden. Das Model S, 3 oder Y laden dann dort von einem Solardach geschützt vor Platzregen. Und die Kunden können sich dieweil gegen Bares mit Speis und Trank versorgen. Künftig könnte also eine ganz andere Frage die Autowahl mitbestimmen: Wo schmeckt’s besser beim Laden, und wer veranstaltet die schönere Show?

Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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